Autismus - ein weites Spektrum
Viele Menschen denken bei Autismus an "Rainman" oder an kleine Kinder, die überhaupt nicht kommunizieren und den Kopf gegen die Wand schlagen. Auf jeden Fall, denken sie, muss es ganz furchtbar sein. Inzwischen melden sich viele autistische Menschen selbst zu Wort - u.a. in Büchern, Internetforen und Video - und erzählen davon, wie schön es ist, autistisch zu sein.
Autismus ist keine Krankheit, sagen sie, es ist ein Teil menschlicher Vielfalt. So wie früher Homosexualität von der WHO als Krankheit eingestuft wurde und zu "therapieren" versucht wurde, so wie man früher versuchte, Linkshänder umzuschulen, versucht man heute, Autisten zu "heilen" oder zu "normalisieren".
Aber was heißt eigentlich normal? Und wäre es nicht schade, wenn Albert Einstein, Michelangelo und Andy Warhol "normal" gewesen wären? Denn auch ihnen wird nachgesagt, autistisch gewesen zu sein.
Autismus ist ein weites Spektrum, und Menschen im Autismus-Spektrum sind sehr unterschiedlich. Manche reden sehr viel, andere sprechen wenig oder gar nicht. Manche werden in ihren Fähigkeiten anerkannt, studieren und finden einen Beruf, andere werden "aussortiert" auf die Sonderschule und in Behindertenwerkstätten. Autistische Menschen werden meist ausschließlich über Defizite beschrieben, z.B. "sie können nicht lügen" anstelle von "sie sind sehr ehrlich" (abgesehen davon, dass es viele autistische Menschen gibt, die lügen können).
Häufig erleben autistische Menschen die Situation, dass "Normalsein" mehr zählt als ihre vielfältigen Fähigkeiten und ihre einzigartige Persönlichkeit. Die Gesellschaft ist ausgerichtet auf bestimmte Verhaltensweisen, die vage mit "guter Umgang" umschrieben werden. Z.B. wird erwartet, dass man seinen Gesprächspartner ansieht, wenn man mit ihm spricht. Dass man gleichzeitig noch auf seinen Gesichtsausdruck achtet, und im Hintergrund einer näher kommenden Bekannten zuwinkt.
Genau damit haben Menschen im Autismus-Spektrum aber Schwierigkeiten - mehrere Dinge auf einmal zu tun, oder ihre Aufmerksamkeit schnell von einer Sache zu einer völlig anderen zu wechseln. Umgekehrt sind sie sehr gut darin, ausdauernd und konzentriert an einer Sache zu arbeiten - ob es nun programmieren, übersetzen oder die Qualitätskontrolle von Glühbirnen ist.
Zur Zeit noch meinen Eltern autistischer Menschen sowie Therapeuten, Erzieher und Ärzte, sie müssten für Menschen im Autismus-Spektrum sprechen. Doch zunehmend wehren sich Autisten dagegen - und auch dagegen, als "krank" oder "gestört" bezeichnet zu werden. Jedes Jahr am 18. Juni feiern sie deshalb den Autistic Pride Day: mit Mottos wie "Akzeptanz statt Heilung", "Feiert neurologische Vielfalt" und "Jede_r ist anders" kämpfen sie um Anerkennung, Respekt und eine barrierefreie Gesellschaft.
| Author: | Juri Unglaub |
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